DAS WUNDERTEAM

In den dreißíger Jahren war Österreich in Sachen Technik und Spielwitz das Nonplusultra.

Der Vater des „Wunderteams“ hieß Hugo Meisl, Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie in Wien. Für den Fußball opferte Hugo Meisl eine mögliche Bankerkarriere und damit viel Geld. Stattdessen wurde Meisl zur treibenden Kraft der Popularisierung des Fußballs auf dem Kontinent.

1912 brachte Meisl Jimmy Hogan nach Wien, mit seinem u.a. für den FC Bayern München tätigen Landsmann W. J. Townley, einer der ersten englischen Trainer auf dem Kontinent. Hogan, vor dem Ersten Weltkrieg der bekannteste der britischen Coaches auf dem Kontinent, sollte das österreichische Team auf die Olympischen Spiele in Stockholm vorbereiten.

Der englische Entwicklungshelfer widmete sich anschließend MTK Budapest und weiteren europäischen Klubs, bevor er Meisl beim Aufbau des „Wunderteams“ assistierte. Hogans größter Triumph sollte die Finalteilnahme mit einem Team österreichischer Amateure bei den Olympischen Spielen 1936 sein, wo man Italien mit 1:2 unterlag. Es blieb bis heute das einzige Finale, das Österreich bei einem bedeutenden internationalen Turnier erreichte.

Meisl selbst war 1927 Generalsekretär und Trainer des Österreichischen Fußball-Bundes (ÖFB) geworden. Mit seinem italienischen Kollegen Vittorio Pozzo sollte Meisl nun zum Genius des europäischen Fußballs der dreißiger Jahre aufsteigen. Meisls „Wunderteam“ blieb vom 12. April 1931 bis 23. Oktober 1932 14 Spiele in Folge ungeschlagen (elf Siege, drei Unentschieden). Höhepunkt dieser Serie war der sensationelle 5:0-Sieg über Schottland am 16. Mai 1931 in Wien, die erste Niederlage für die Schotten auf dem europäischen Kontinent.

Deutschland wurde mit 6:0 (Berlin) und 5:0 (Wien) gleich zweimal deklassiert. Den Schweizern erging es mit einem 2:0 (Wien) und 8:1 (Basel) nicht viel besser. Italien schlug man mit 2:1 (Wien), Ungarn mit 8:2 (Wien). Ein 3:4 gegen das Fußball-Mutterland England am 7. Dezember 1933 an der Londoner Stamford Bridge beendete schließlich die Serie ungeschlagener Spiele. Die Presse berichtete von einem einmaligen Fußballfest, bei dem sich robuste Kollektivkämpfer (England) und individualistische Filigrantechniker (Österreich) gegenübergestanden hätten und beide Teams sich als Sieger fühlen durften.

Nur vier Tage später schlug das „Wunderteam“ Belgien in Brüssel mit 6:1. Bis zum Halbfinale der WM 1934 sollten Meisls Kicker nur noch eine Niederlage kassieren (1:2 gegen die Tschechoslowakei). Das 0:1 gegen WM-Gastgeber Italien läutete dann das Ende des „Wunderteams“ ein, das vom 12. April 1931 bis zum 3. Juni 1934 in 31 Länderspielen 21-mal als Sieger den Platz verließ, nur drei Niederlagen kassierte und 101 Tore schoss. Österreich war gewissermaßen das Brasilien jener Jahre. Was Spielwitz und Technik anbetraf, so gab es keinen besseren Fußball als den Österreichischen.

Österreichischer Fußball war gleichbedeutend mit Wiener Fußball sowie dem Wiener „Scheiberlspiel“, welches das schottische Kurzpass-Spiel um Individualität, Listigkeit und Technik bereicherte und zuweilen geradezu Showcharakter annahm. Der „Donaufußball“, wie er auch in Prag und Budapest, das mit Wien eine gemeinsame Geschichte in der Habsburger Monarchie verband, praktiziert wurde, galt gewissermaßen als Gegenentwurf zum englisch beeinflussten preußisch-deutschen Spiel, das den langen Ball vorzog und die Betonung auf Athletik, Kraft, Kollektivität und strategische Planung legte.

Die zentrale Figur des „Wunderteams“ war Matthias Sindelar, auf Grund seiner schmächtigen Erscheinung vom Volksmund „der Papierene“ getauft. Sindelar repräsentierte die spezifischen Eigenschaften des österreichischen Fußballs dieser Jahre wie kein anderer.

Schreibe einen Kommentar